Schulz lässt es menscheln und grenzt sich damit von der Kanzlerin ab


Der SPD-Kanzlerkandidat gibt sich siegesgewiss. Doch unterscheidet sein Programm sich nicht sonderlich von dem der Kanzlerin. Martin Schulz spielt vor allem den menschlichen Faktor.

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Am stärksten ist Martin Schulz an diesem Sonntag im Willy-Brandt-Haus, wenn er von sich selbst redet. Er spricht offen von seiner gebrochenen Biographie. „Ich weiß, wie es sich anfühlt, vom Weg abzukommen“, spielt er auf seine überwundene Alkoholabhängigkeit an. Er erzählt, dass er lieber Fußball spielte, als zur Schule zu gehen und deshalb eben kein Abitur hat. Und er betont, dass er stolz sei, aus Würselen zu kommen, aus der Provinz also. Ohne es explizit zu formulieren, sagt der 61-jährige damit der Wählerschaft: Ich bin einer von Euch. So wird er nahbar.

Um die „hart arbeitenden Menschen kümmern“

Wer hat nicht schon einmal „die Orientierung verloren“?, wie er sagt. Wer kennt nicht Probleme mit dem Lernen oder lebt fernab vom Puls der Zeit? Er wolle sich um die „hart arbeitenden Menschen kümmern“, um die, „die den Laden am Laufen halten, die die Regeln beachten“, erklärt Schulz. Indem er sich mit vielen im Land auf eine Stufe stellt und das Signal ausgibt, er gehöre zu den ganz normalen Menschen, kann er sich deutlich von der Bundeskanzlerin abheben, die er aus dem Amt drängen will.

Zwar war auch Angela Merkel nicht in die Wiege gelegt, deutsche Regierungschefin zu werden. Doch umgibt sie die Aura des Bildungsbürgertums, der Intellektualität und mittlerweile auch der Weltläufigkeit. Wer Bundeskanzler sei, müsse nicht nur Verständnis für die Menschen haben, ruft Schulz, sondern er muss das „mit viel Empathie spüren“. Das ist der wohl entscheidende Unterschied zwischen den beiden Kontrahenten.

Schulz schafft es, die eigene Partei zu begeistern

Es ist der menschliche Faktor, der Martin Schulz zu einem schwierigen Herausforderer von Angela Merkel macht. Dass er bei den Sympathiewerten mit der Kanzlerin gleichzog, ist ein erster Beweis. Sigmar Gabriel galt als Polterer, als unzuverlässig und unberechenbar. Seine Beliebtheit blieb weit hinter der Merkels zurück.

Nun steht da jemand, mit dem viele in der Bevölkerung sich identifizieren können. Vor allem aber, ist Schulz einer, der die eigene Partei begeistert. Er spricht davon, durch die SPD sein „ein Ruck“ gegangen. Damit sind die Sozialdemokraten zum jetzigen Zeitpunkt tatsächlich der Union voraus, die in weiten Teilen mit der CDU-Vorsitzenden fremdelt und obendrein von der CSU mit großer Distanz bedacht wird.

Inhaltlich nämlich ist kein sehr großer Unterschied zu spüren zwischen dem Programm, das Schulz beschreibt, und dem der Kanzlerin. Es solle gerechter zugehen im Land, lautet seine Kernbotschaft. Bessere Bildung, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, mehr bezahlbaren Wohnraum, zusätzliche innere Sicherheit, Ausgleich zwischen Stadt und Land, steigende Investitionen in die Infrastruktur und Zugang zu schnellem Internet für jedermann, lauten seine Kernbotschaften. Schulz ist nicht das linke Gegenmodell zu Merkel. Er präsentiert sich als Alternative für die Mitte.

In der Flüchtlingspolitik auf Merkel-Kurs

Tatsächlich ist es für ihn schwierig, sich bei den wirklich problematischen Themen von der bisherigen Regierungsarbeit zu distanzieren. In der Flüchtlingspolitik beispielsweise steht er für den Merkel-Kurs. Schulz warnt vor einem „generellen Misstrauen“ gegenüber Flüchtlingen. Das käme einem Sieg des Islamischen Staates gleich. Und er fordert, Europa müsse endlich liefern – bei der Bekämpfung der Fluchtursachen, der Sicherung der Außengrenzen und bei der fairen Verteilung der Geflüchteten.

Ausdrücklich fordert er, bei der nächsten EU-Finanzplanung zu berücksichtigen, wer in Europa sich in dieser Frage unsolidarisch gezeigt habe. Beim Stichwort Europa allerdings gäbe es einen Widerspruch zur Kanzlerin. Schulz hatte in seiner Rolle als Präsident des Europaparlaments stets für eine Vergemeinschaftung der Schulden plädiert. Das wiederholte er an diesem Sonntag nicht. Dieser Punkt kommt schließlich nicht gut an in der Bevölkerung.

Mit deutlichen Worten grenzt der SPD-Kanzlerkandidat sich gegen rechts ab. Er greift das Problem auf, dass auch unter jungen Menschen die Begeisterung für ein offenes und freies Gesellschaftsmodell abnehme. Hier will er gegensteuern. Dabei kündigt er „allen Rassisten“ den Kampf an und nennt die AfD eine Schande. „Die Partei der Höckes, Gaulands und der Petrys ist keine Alternative für Deutschland, sondern eine Schande für Deutschland“, ruft er. Auch damit steht er jedoch im Einvernehmen mit der Union.

Der Wahlkampf kann der Demokratie gut tun

Martin Schulz will Kanzler werden. Die Entschiedenheit, mit der er das formuliert, wird seine Partei beflügeln. In welcher Konstellation er das erreichen will, sagt er an diesem Sonntag nicht. Von seinen Positionen her, gehört er zum rechten Flügel der SPD. Doch klar ist, er würde auch eine rot-rot-grüne Koalition eingehen, um sein Ziel zu erreichen. Wenn auch nicht inhaltlich, so bieten die Sozialdemokraten somit doch personelle eine Alternative zu Angela Merkel. Von daher wird der Wahlkampf spannender. Und er kann der Demokratie tatsächlich guttun, wie Schulz sagt.